It’s Disco-Time! So war’s bei Arcade Fire im Berliner Astra

Ein Plakat, einer unbekannten, mysteriösen Band namens The Reflektors, das kurzzeitig Anfang November an der Oberbaumbrücke im Berliner Bezirk Friedrichshain gesichtet worden war, hatte den Stein ins Rollen gebracht. Nur wenige Minuten hatte das Poster, das „the new sensation from Montreal“ für den 19. November im Astra Kulturhaus ankündigte, dort verweilt bevor es durch ein anderes überklebt und damit ersetzt worden war. Lang genug jedoch, um Cover-Artwork und den Titel des aktuellen Arcade-Fire-Albums als findiger Fan sofort zu erkennen. Und es hatte sich ja inzwischen auch herumgesprochen, dass die kanadische Band in ihrer Heimat bereits einige kleine Club-Geheim-Gigs unter dem Pseudonym The Reflektors absolviert hatte.

Im Web verbreitete sich die Nachricht, dass Arcade Fire, ihres Zeichens Grammy-Gewinner und Stadien-Füll-Band, ein kleines, intimes Konzert vor ein paar hundert Leuten spielen würden, wie ein Lauffeuer. Einzige Bedingungen: Eine Verkleidung oder elegante Abendgarderobe als Dress-Code sowie eine Handvoll Glück beim Online-Ordern der höchstens zwei personalisierten Tickets, die natürlich innerhalb von knapp fünf Minuten ausverkauft und im Nachgang bei ebay manchem Fan bis zu 400 Euro pro Stück wert waren. Aber hey, es ging hierbei eben um eine verdientermaßen inzwischen ziemlich bekannt gewordene Band, die man sicher so schnell nicht wieder in so einem kleinen Rahmen erleben können würde.

Schon die Vorbereitungen zu diesem Konzertabend sind irgendwie anders als man es als geneigter Konzertgänger gewohnt ist. Es macht Spaß sich mal so richtig herauszuputzen, ein wenig elegant, ein wenig verspielt, in dem Wissen, dass die Band sich das genauso vorgestellt hat, also schon mit der Absicht, dass man sich schon vor dem Konzerterlebnis mit diesem Abend auseinandersetzt.

Auch das Astra hat sich an diesem Abend auf besondere Art und Weise herausgeputzt. Discokugeln, Glitter, Glanz und Lichterketten verwandeln das Kulturhaus in eine Location, die wie eine Mischung aus 20er Jahre Maskenball á la „Great Gatsby“ und 70er Jahre Disco wirkt. Für den Maskenball sorgen natürlich die zahlreichen verkleideten Gäste. Ob Maske, Katzenöhrchen, Pippi Langstrumpf oder Ganzkörper-Affenfell – so gut wie alle Gäste haben sich an den Dress-Code gehalten. Und es macht Spaß sich die eleganten Abendkleider, die Herren in Smokings mit Fliege und die vielen strahlenden Gesichter anzuschauen. Für einen Abend raus aus der Alltagshaut und rein in das Kostüm-Vergnügen.

Ausgelassen tanzt die glückliche Fan-Meute zusammen mit den vermeintlich echten Arcade-Fire-Bandmitgliedern, die sich mit überdimensional großen Pappmaché-Köpfen unter das Publikum gemischt haben, zu groovendem Disco-Sound. Und dann gegen halb neun, als sich die bunte Fan-Menge ein bisschen enger Richtung Bühne gedrängt hat, taucht plötzlich inmitten der ganzen Köpfe, der 1,90 m-Körper von Frontmann Win Butler auf, der ein paar Zeilen von „My Body Is A Cage“ zum Besten gibt, während der Rest der Disco-Formation The Reflektors auf der Bühne Einzug hält. Mit „Reflektor“, der Single und dem gleichnamigen Titel des aktuellen Albums, bleibt es groovy und tanzbar im Astra Kulturhaus. Arcade Fire fallen an diesem Abend nicht aus ihrer Rolle der Alter-Ego-geschaffenen Disco-Band und doch wirkt hier nichts aufgesetzt oder gespielt.

Die begeisterte Spielfreude wirkt genauso echt wie das den ganzen Gig anhaltenden charmante Lächeln Régine Chassanges. Die Band wirkt ausgelassen und gelöst als freue sie sich, dass sie für sich einen Weg gefunden hat, nochmal näher und intimer an den Fan zu kommen ohne die Weite und Abstraktheit der großen Stadien, die sie inzwischen sonst zu füllen vermag. Und als Fan selbst fühlt man sich natürlich auch besonders bei diesem speziellen Ereignis zugegen sein zu dürfen. Schick gekleidet und umringt von ebenso famos angezogenen Menschen. „It’s nice to look at a bunch of well dressed people!“, konstatiert auch ein zufrieden wirkender Win Butler, der uns mal den Disco-King gibt und dann wieder zur Rock-Rampensau mutiert.

Alt bekannte Nummern wie „Neighborhood #3 (Power Out)“ treffen auf neues Material wie „You Already Know“ und „Afterlife“, bei dem der komplette Club einträchtig mitsingt. Bei „Sprawl II (Mountains Beyond Mountains)“ vom Vorgänger-Werk The Suburbs Hat Régine Chassange schließlich ihren großen Moment, bevor bei „Normal Person“ der Feier-Zenit bis zum Anschlag ausgedehnt wird.

Ein Win-Gesang mit Pappmaché-Kopf, ein aus dem Publikum erbetteltes Bier und eine kurze Stagediving-Einlage des Sängers später sind wir auch schon bei den Zugaben angelangt, die uns eher wieder zu den Ursprüngen Arcade Fires zurückführen, denn mit „Haiti“ und „Wake Up“ verabschieden sich die Kanadier mit zwei herausragenden (und ja doch eher ruhigen) Songs des Debüts Funeral. Das Publikum singt schwelgend und aus Leibeskräften die ja doch recht simpel gehaltenen Textpassagen mit. Danach fordert Win Butler die tobende Menge dazu auf noch ein wenig zu bleiben und zu den von DJs bereit gestellten Disco-Klängen im Astra zu tanzen. Gerüchten zufolge soll er selbst auch noch das Tanzbein geschwungen haben.

Und dann ist man plötzlich wieder draußen und die kalte Berliner Nachtluft holt einen schneller als man lieb ist wieder in die Realität zurück. Trotzdem wird dieser Abend noch lange im Gedächtnis nachhallen als buntes, schrilles, besonderes Ereignis, das verdammt  viel Spaß gemacht hat.

Und diese Songs wurden gespielt:

Intro: My Body Is A Cage
Reflektor
Flashbulb Eyes
Neighborhood #3 (Power Out)
Joan of Arc
You Already Know
We Exist
It’s Never Over (Oh Orpheus)
Afterlife
Sprawl II (Mountains Beyond Mountains)
Normal Person
Uncontrollable Urge (im Original von Devo)
Here Comes the Night Time

Zugabe:
Haïti
Wake Up

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